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Sie sollen dem Rechtsextremismus ein „menschliches Antlitz“ verleihen und rechtes Gedankengut in der Gesellschaft „normalisieren“. Die Rolle weiblicher Neonazis wird oft unterschätzt: Hinter ihrer freundlichen Fassade verbirgt sich meist der blanke Hass.

Antje Vogt steht auf der Wiese und schaut über die Büsche in Richtung Sandkasten. Es brauche einen Warnhinweis vor dem Kinderspielplatz, fordert sie. Ein Schild wie: „Bitte nicht mit Fahrradhelm auf die Rutsche klettern. Verletzungsgefahr!“ Das Wohl der Kinder liege ihr sehr am Herzen, beteuert die junge Mutter, ebenso die Belange der Familien. Als ihre Heimatgemeinde Mihla in Thüringen ein paar tausend Euro für die Unterbringung einer Flüchtlingsfamilie ausgeben will, stimmt die Stadträtin Antje Vogt allerdings dagegen. Der Grund: Sie ist Mitglied der NPD, sie ist eine rechtsextreme Frau.

Nazi-Frauen: „unauffällig“ und „liebevoll“

Für die WDR-Doku „Weiblich, sexy, rechtsextrem“ hat die Filmemacherin Caterina Woj viele rechte Frauen wie Antje Vogt getroffen. Der Film zeigt, wie die Rechtsextremistinnen die demokratische Alltagskultur in der deutschen Provinz unterwandern. Sie geben sich harmlos und bürgerlich – und doch stehen sie für eine Ideologie der Menschenverachtung.

Zum Beispiel die Erzieherin Antje Probst, die lange in einem Kindergarten der Arbeiterwohlfahrt tätig war. Dass sie gleichzeitig als Mitbegründerin des inzwischen verbotenen Neonazi-Netzwerks „Blood and Honour“ auftrat, fiel niemandem auf. Oder Sigrid Schüßler, die sich aufgeschlossen modern gibt und im Fetisch-Outfit für einen Erotik-Kalender posiert. Zugleich hetzt sie gegen Homosexuelle und ist voll des Lobs für Adolf Hitler.

Kinder, die „Landser“-Lieder singen

Heidi Benneckenstein hat die Nazi-Ideologie gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen. Ihre Eltern haben sie „völkisch“ erzogen, sagt sie. Zeltlager der HDJ (Heimattreue Deutsche Jugend) gehörten für sie als Kind zum Alltag. Lebensweisen wie im Nationalsozialismus wurden ihr dort vermittelt, erinnert sie sich. Dort habe sie Achtjährige getroffen, die zwar kein normales Gespräch führen konnten, aber Lieder der Neonazi-Band „Landser“ auswendig kannten.

Inzwischen ist die junge Frau ausgestiegen aus der Nazi-Parallelgesellschaft. Die einzige in ihrem Umfeld, die diesen Schritt gewagt habe, sagt sie. Viele der ehemaligen HDJ-Kinder spielten heute in der rechten Szene eine wichtige Rolle. Das Ziel der Neonazis sei, ihre Ideologie mithilfe der Frauen salonfähig zu machen, erzählt Benneckenstein. Dafür mimten viele die „nette Mutter von nebenan“ – rechte „Ökos“ mit Kinderwagen und Luftballons. „Muttimasche“ wird das in dem Dokumentarfilm genannt.

Die Rolle der Frauen wird „fahrlässig unterschätzt“

Bei der Vorstellung des Films am Dienstag beim Berliner Verein „Gesicht zeigen!“ erklärt Esther Lehnert von der Alice-Salomon-Hochschule, die Frauen in der Naziszene seien lange unterschätzt worden. Die Rechtsextremismus-Expertin fordert, Frauen „nicht auszuklammern aus der Verantwortung“, wenn sie sich im Elternbeirat oder beim Kita-Sommerfest rassistisch äußerten. Jeder müsse in solchen Fällen Selbstreflexion und Haltung beweisen.

In der Jugendarbeit müsse auf junge Frauen und Mädchen besonders geachtet werden. Wenn Kinder in der Kita Hakenkreuze malten und nichts von ihrem Wochenende erzählen wollten, dürfe nicht weggesehen werden, fordert Lehnert. Schulen und Kitas seien für die Kinder der Neonazis oft der erste Kontakt mit demokratischer Kultur. In den Bildungseinrichtungen dürfe es „kein Verständnis“ für menschenfeindliche Äußerungen geben. Wenn die Kitas alle Facetten der Einwanderungsgesellschaft abbildeten, sei dies die „beste Prävention“ gegen rechte Gewalt.

Doku online

Um den Dokumentarfilm „Weiblich, sexy, rechtsextrem“ von Caterina Woj in der ARD-Mediathek zu sehen, klicken Sie hier.

Veröffentlicht am 15.03.2016

Von „unsäglich“ bis „lächerlich“: Die Kritik an der Blockade der Union beim Gesetz zur Bekämpfung des Missbrauchs bei Leiharbeit und Werkverträgen ist groß. Das sagen SPD-Spitzenpolitiker zum Verhalten von CDU und CSU.

Schon am Mittwoch war die Empörung groß, nachdem Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles bekannt gegeben hatte, dass ihr Gesetz zur Bekämpfung des Missbrauchs bei Leiharbeit und Werkverträgen entgegen aller Absprachen von der Union blockiert werde. Nahles sprach in diesem Zusammenhang von heftigen Auseinandersetzungen und warf der Union vor, „Spielchen zu spielen“ und „ideologische Schlachten“ zu schlagen, die mit Inhalten nichts mehr zu tun hätten.

Malu Dreyer: Blockade schadet den Menschen im Land

Die SPD stellt sich hinter das Gesetz. Ministerpräsidenten, Vorsitzende der Länder und zuständige Minister unterstützen Andrea Nahles und ihren Entwurf. So betonte  Malu Dreyer, dass der schon im November vorgelegte Gesetzentwurf von Seiten der CDU/CSU nie sonderlich unterstützt und jetzt erneut blockiert werde. Zugleich forderte die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, dass sich „die Koalitionspartner an ihre Zusagen halten, zumal schon der Koalitionsvertrag ein Kompromiss“ war. „Einer Million Leiharbeiterinnen und Leiharbeitern wird damit mehr Geld und mehr Sicherheit vorenthalten", erklärte Dreyer. Damit schade die Unions-Blockade den vielen betroffenen Menschen in diesem Land.

Torsten Albig: Gute Arbeit für ein erfolgreiches Land

Für den Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Torsten Albig, gilt Gute Arbeit als eine elementare Voraussetzung für ein erfolgreiches Land: „Denn nur mit guten Arbeitsbedingungen kann man ein attraktiver Arbeitgeber sein und sich so die Fachkräfte sichern, die ein Unternehmen braucht, um zukunftsfest aufgestellt zu sein und wettbewerbsfähig zu bleiben", sagte er. „Bayern", so Albig, „schadet mit seiner Blockade dem Standort Deutschland."

Olaf Scholz: kluges und ausgewogenes Gesetz

Als klug und ausgewogen lobte Olaf Scholz das Gesetz. Auf dem Arbeitsmarkt müssten Regeln eingehalten werden, forderte der Erste Bürgermeister von Hamburg. Auch wenn zu einer modernen Wirtschaft Leiharbeit und Werkverträge dazu gehörten, dürften sie nicht dafür genutzt werden, „die für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer geltenden Regeln zu umgehen“.

Michael Müller: Union untereinander zerstritten

Der Regierende Bürgermeister von Berlin erinnerte daran, dass die arbeitnehmerfreundlichen Regelungen zu Leiharbeit, Zeitarbeit und zu Werkverträgen, von der SPD in den Koalitionsvertrag eingebracht und von der Union mit unterschrieben worden seien. Das dürfe nicht einseitig aufgekündigt werden, erklärte Michael Müller – denn das seien mal wieder Spielchen auf Kosten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Müller versicherte: „Genauso wie bei der Durchsetzung des Mindestlohns steht die SPD verlässlich zu ihren Zusagen, während die Union – wie schon in der Asylpolitik – offenbar untereinander zerstritten ist.“

Martin Dulig: überfällige Gesetzesänderung dient auch Unternehmen

„Wir haben in Sachsen 50.900 Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmern und eine nicht bezifferbare Zahl von Werkvertragsnehmerinnen und -nehmern", sagte Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig. Der stellvertretende Ministerpräsident fordertre, das Unterlaufen der Löhne Festangestellter zu unterbinden und dafür zu sorgen, dass Werkverträge nicht missbraucht werden um Arbeitnehmerrechte zu umgehen. Die „lange überfällige Gesetzesänderung" die auch den Unternehmen, die verantwortungsvoll und sozialverträglich mit Leiharbeit und Werkvertragsgestaltungen umgehen", betonte er. Dulig wertet ähnlich wie beim Mindestlohn den Widerstand als Zeichen dafür, dass „an den richtigen Stellschrauben gedreht wird". (Eine Reportage über Leiharbeiter in Sachsen lesen Sie unter Nahles-Gesetz soll Ausbeutung von Leiharbeitern beenden)

Nils Schmid: Schlag ins Gesicht von Arbeitnehmern

Als „unerträglich“ bezeichnete Nils Schmid, SPD-Vorsitzender sowie Finanz- und Wirtschaftsminister in Baden-Württemberg, die Blockade der Union. Die Weigerung von CDU und CSU, beim Kampf gegen den Missbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen voranzukommen, sei „ein Schlag ins Gesicht von Arbeitnehmern und ehrlichen Unternehmern in unserem Land“, erklärte der SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 13. März.

Katrin Budde: Glaubwürdigkeitstest für die Union

Gerade für Ostdeutschland sei der Gesetzentwurf besonders wichtig, denn hier werde „Leiharbeit besonders häufig missbraucht, um reguläre Arbeitsverhältnisse zu unterlaufen“, betonte die Vorsitzende der SPD in Sachsen-Anhalt, Katrin Budde. Eigentlich brauche es gleiche Bezahlung von Stammbelegschaften, Leiharbeiterinnen und Leiharbeitern vom ersten Tag an, betonte sie. Dass die Union nun nicht einmal einen Entwurf mit einer neunmonatigen Anpassungsfrist akzeptieren wolle, sei für die Beschäftigten ein Schlag ins Gesicht. Budde: „Es wird ein Glaubwürdigkeitstest für die Union, ob sie hier noch einmal die Kurve kriegt und die Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag umsetzt.“

Carsten Sieling: Eiertanz wie beim Mindestlohn

Auch Bremens Bürgermeister Carsten Sieling hält die klaren gesetzlichen Regelungen, wie sie die Bundesarbeitsministerin vorgelegt hat, für dringend notwendig. Die von der Union vorgetragenen Bedenken seien „lächerlich“, so Sieling. Lohndumping durch Leiharbeit und Werkverträge müsse ein Riegel vorgeschoben, reguläre Beschäftigungsverhältnisse müssten wirksamer als bisher geschützt werden, erklärte er. Sieling forderte, die Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu stärken. „CDU und CSU sollen endlich Wort halten und dem Land einen Eiertanz wie beim Mindestlohn ersparen“, sagte der Präsident des Senats der Freien Hansestadt Bremen gegenüber vorwärts.de.

Rainer Schmeltzer: Union lässt Zeitarbeiter im Regen stehen

Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Rainer Schmeltzer spricht von „Hinhaltespielchen der Union auf dem Rücken der Betroffenen“. Sein Land vertrete eine klare Position, erklärte er zum Streit um das geplante Gesetz zur Regulierung der Leiharbeit. Schmeltzer: „Die Gesetzesreform ist überfällig. Faire Arbeit und Bezahlung darf nicht zu einem Ping-Pong-Spiel zwischen den Fraktionen von CDU und CSU sowie dem Bundeskanzleramt werden.“

Anke Rehlinger: Arbeit braucht Respekt

Zum ersten Mal gebe es einen Konsens mit Arbeitgebern und Gewerkschaften, „nie waren wir so nah an einer Lösung", erklärte Saarlands Vize-Vorsitzende Anke Rehlinger. Es sei „schäbig", so Rehlinger, „dass die CDU die eigene Parteitaktik über die Interessen der Beschäftigten stelle". Den Missbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen habe „ja nicht die SPD erfunden", sondern sie sei eine gesellschaftliche Tatsache, so Rehlinger weiter. Die damit verbundene unwürdige Lohndrückerei passe ihrer Meinung nach nicht zu einer fairen Arbeitsgesellschaft.

Matthias Hey: Blockaden helfen niemandem

Der Chef der SPD-Fraktion des Thüringer Landtages, Matthias Hey, appellierte an die Mitglieder der CDU/CSU in der Bundesregierung: Wenn diese „offensichtlich parteitaktisch veranlasste Blockadehaltung nicht aufgegeben wird, geschieht dies auf Kosten und auf dem Rücken hunderttausender Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Republik“, sagte er.

Detlef Tanke: Spielchen auf dem Rücken der Menschen

„Einzig die Interessen der Unternehmen stehen bei der Union im Mittelpunkt", lautet die Kritik von Niedersachsens SPD-Generalsekretär Detlef Tanke. Das Verhalten von CDU und CSU sei nicht nur Wortbruch, sie falle zudem erneut ihrer Kanzlerin und Bundesvorsitzenden Angela Merkel in den Rücken. Die hatte noch im Januar betont, dass eine schnelle Lösung wichtig sei. Die Union blockiere sogar den „Kompromiss, den Andrea Nahles mit den Unternehmen vereinbart hatte", erklärte Tanke. Damit zeige sie ihr wahres Gesicht, so Tanke: „Sie haben kein Interesse, die Arbeit von Menschen sozialverträglich zu gestalten!"

Andrea Nahles: kann am Getöse messen, wie wichtig das Gesetz ist

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hatte in einem Interview mit dem vorwärts zum Widerstand gegen das Gesetz aus den Reihen von Arbeitgebern und Union erklärt, dass sie sich „bewusst strikt an die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag“ gehalten habe. Nahles weiter: „Aber genau wie beim Mindestlohn stoßen wir hier in ein Wespennest. Mittlerweile kann man schon am Getöse messen, wie wichtig und richtig das Gesetz ist. Man kann die Union am Ende des Tages nur auffordern, vertragstreu zu sein.“

Veröffentlicht am 28.02.2016

Bundespolitik; Erdogans Rache an Merkel :

Quo vadis Türkei? Darüber diskutierte das Forum Demokratische Linke. Mit beunruhigenden Ergebnissen: Präsident Erdoğan sei ein „verkappter Fundamentalist“, er unterstütze den Islamischen Staat und wolle sich mit dem Flüchtlingsstrom an Merkel rächen.

„Dreh- und Angelpunkt“ zahlreicher aktueller Konflikte sei die Türkei heute, sagt die Vorsitzende des Forums Demokratische Linke, Hilde Mattheis. Das Land am Bosporus nehme zunehmend eine Schlüsselrolle in der Region ein – nicht zuletzt durch Unterstützung der Bundesrepublik und der EU: Rund drei Milliarden Euro wollen die Europäer nach Ankara überweisen. Als Gegenleistung soll die türkische Regierung die Migrationsbewegung über das Mittelmeer eindämmen.

Undurchsichtige Lage und „unvollendete Demokratie“

Für die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis ist die Lage in der Türkei immer weniger zu durchschauen. Es stellten sich viele Fragen, sagt die SPD-Politikerin: Wie ist das Verhältnis der islamisch-konservativen Regierung in Ankara zu den Kurden, zur EU und dem „Islamischen Staat“?

Edzard Reuter nennt die Türkei seine „zweite Heimat“ – von 1933 bis 1946 lebte der Sohn des berühmten Sozialdemokraten Ernst Reuter als Kind in Ankara im Exil. Die Türkei, sagt Reuter, sei eine „unvollendete Demokratie“, die demokratische Staatsform existiere nur auf dem Papier. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs hielt die CHP (Cumhuriyet Halk Partisi, zu Deutsch: Republikanische Volkspartei) das politische Monopol im Land. Inzwischen sei die sozialdemokratische CHP beinahe bedeutungslos, so Reuter. Den Machtanspruch hält heute eine andere Partei – Recep Tayyip Erdoğans AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi, zu Deutsch: Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung).

Erdoğans Rache für die „privilegierte Partnerschaft“

Erdoğan sei kein zuverlässiger Politiker, findet der Journalist Baha Güngör. Ein „verkappter Fundamentalist“ sei der türkische Präsident. Die drei Milliarden Euro, die bald von Brüssel aus nach Ankara fließen sollen, könnten nichts bewirken, sagt Güngör. Die türkischen Sicherheitskräfte seien zwar sehr wohl in der Lage, die Grenzen zu Griechenland zu sichern. Allein: Es fehle am politischen Willen.

Unter der islamisch-konservativen AKP, so Güngör, rücke die Türkei immer weiter weg von Europa. Dabei standen die Zeichen 2005 auf Annäherung: Die EU und die Türkei nahmen Beitrittsverhandlungen auf. In Deutschland wollten das nicht alle, vor allem die Union stellte sich quer. Statt einer Vollmitgliedschaft brachten Angela Merkel und Wolfgang Schäuble die „privilegierte Partnerschaft“ ins Spiel – in der aktuellen Krise räche sich jetzt die ablehnende Haltung der CDU, sagt der ehemalige Deutsche-Welle-Korrespondet Güngör.

HDP Berlin fordert: Mehr Druck, weniger Waffen

Der Konflikt zwischen der kurdischen Minderheit und der Regierung in Ankara wird seit vielen Jahren auch in Deutschland ausgetragen. Das Berliner Büro der pro-kurdischen HDP (Halkların Demokratik Partisi, zu Deutsch: Demokratische Partei der Völker) wurde in den vergangenen Monaten immer wieder Ziel von Angriffen, mutmaßlich von türkischen Faschisten. Auch in der Türkei leiden die Aktivisten der Partei unter Gewalt.

Die Co-Vorsitzende der HDP Berlin, Mehtap Erol, wünscht sich von der EU mehr Druck auf die türkische Regierung und über Verhandlungen Frieden zu schaffen. In der anatolischen Stadt Diyarbakır leide vor allem die Zivilbevölkerung durch monatelange Ausgangssperren und Feuergefechte. Der SPD rät die HDP-Sprecherin, den Export von Waffen an die Türkei grundlegend zu überdenken. Erdoğan unterstütze auch den „Islamischen Staat“, ist sich Mehtap Erol sicher.

Den Dialog aufrecht erhalten

Einig waren sich alle Teilnehmer beim Dialog der Demokratischen Linken in Berlin über dies: Die Gespräche mit der Türkei müssen weitergehen – auch mit Recep Tayyip Erdoğan, der zwar ein schwieriger Gesprächspartner sei und selbst die Verfassung des eigenes Staates nur wenig achte. Eine Alternative zum Dialog gebe es aber angesichts der heiklen Lage im Nahen Osten nicht.

 
 

Veröffentlicht am 28.02.2016

Zu den Lebensmittelausgaben der Tafeln kommen auch immer mehr Asylbewerber. Das sorgt für mancherorts für Konflikte. Nicht jedoch in Flensburg. Wie machen die Norddeutschen das?

Aslan kommt spät. Seit einer halben Stunde hat die Flensburger Tafel geöffnet. Sonst war er immer schon vormittags da, sortierte angelieferte Lebensmittel, schleppte Kisten aus dem Lager nach vorn in die Essensausgabe, gab Essen aus. Seit er bis 12 Uhr einen Deutschkurs besucht, schafft er es nur noch zweimal die Woche ab 12:30 Uhr in die Waldstraße zu seinem Integrationspraktikum, aber diese beiden Tage sind ihm wichtig.

„Ich mag helfen. Alle Menschen, Deutsche Menschen, Ausländer“, sagt der 19-jährige. Bei der Tafel hat er angefangen Deutsch zu lernen. Wörter wie „Kartoffeln“ und „Kohlrabi“, „Wurst“ und „Marmelade“, „Multivitaminsaft“ und „Pflaumen“. Das habe ihm Klaus beigebracht. Gemeint ist Klaus Grebbin (60). Seit 2013 leitet er die Tafel der Johanniter und sorgt dafür, dass alles „ruhig und sinnig abläuft“, auch wenn der Andrang mit der steigenden Zahl der Asylbewerber zunimmt. „Bei uns kriegt jeder was, wenn er bedürftig ist, egal wie er aussieht“, sagt Grebbin.

Mit Freundlichkeit und klaren Regeln

Im Vorraum der Essensausgabe ist es voll, draußen stehen noch mehr Menschen, aber es herrscht kein Gedränge. Etwa ein Viertel der Wartenden sind Asylbewerber, erklärt Klaus Grebbin. Streit und Stress gibt es trotzdem nicht, aus mehreren Gründen. Einen nennt Klaus Grebbin schon während der Fahrt in die Waldstraße: „Klaus hat ein großes Herz und einen Eisenbesen.“ Das große Herz spürt ein taubstummer Asylbewerber, als Grebbin sich neben ihn hockt und mit Händen und Füße erklärt, wann er dran ist. Das große Herz spürte der ungeduldige kleine Junge, für den er ein Stofftier hervorzaubert.

Den Eisenbesen holt er heraus, wenn Ärger droht. Zum Beispiel als eine Kundin der Tafel sich über „Ölaugen“ – sprich Asylbewerber – beschwerte, die bei der Tafel Ware erhalten. „Solche Sprüche will ich hier nicht haben“, sagt Grebbin dann. Wer sich nicht daran hält, wird für vier Wochen gesperrt. Wer danach noch einmal auffällig wird, erhält Hausverbot. So wie ein Mann, der sich ungerecht behandelt fühlte, des Hauses verwiesen wurde und mit Verstärkung zurückkehrte, um sein Recht einzufordern. Grebbin holte die Polizei, die Tafel wurde für den Tag komplett geschlossen. „Seitdem klappt es hervorragend“, sagt Grebbin.

60-Stunden-Woche statt Ruhestand

Dass alles so ruhig und friedlich abläuft, liegt auch an der hervorragenden Organisation. Grebbin, der in seinem vorherigen Leben in der Logistik gearbeitet hat, kennt sich mit so etwas aus. Als er ihm Februar 2013 die Leitung der Tafel angetragen wurde, hatte er sich eigentlich schon in den Ruhestand verabschiedet. Ihm war auch nicht klar, was für einen Job er damit übernommen hatte. 50 bis 60 Stunden hat seine Woche, Urlaub gab es schon lange nicht mehr, erzählt er und klingt dabei nicht unzufrieden. Seine Frau sehe er wieder häufiger, seit sie in Kleiderkammer der Johanniter helfe, sagt er und lacht.

Bei der Tafel ist Grebbin in seinem Element, organisieren sein Geschäft: Wer ist da, wer übernimmt welchen Job an welcher Ausgabe, wer organisiert den Nachschub, wer sitzt an der Kasse? Das System ist ausgeklügelt. Jeder Berechtigte erhält eine Karte mit einer Kundennummer und der Zahl der Familienmitglieder. Einkaufen darf jeder einmal die Woche, entweder mittwochs oder freitags. Der Computer weiß, wer schon da war, wer noch nicht und wer an welchem Tag einkaufen darf.

Der Computer sortiert auch die Kundennummern so, dass jeder regelmäßig zu Anfang an der Reihe ist und auch mal später, wenn das Angebot möglicherweise schon etwas ausgedünnt ist. Jeder Einkauf kostet zwei Euro pro Familie. „Dafür erhalten sie Waren im Wert von 50 bis 60 Euro“, so Grebbin. Das Fleisch ist sortiert, koscher für Juden und halal für Moslems. Aber nicht jedem sei das wichtig, sagt Grebbin.

Ein Syrer wird zum Flensburger Jung

Rund 60 Mitarbeiter hat sein Team, einige Ein-Euro-Kräfte sind dabei, die Mehrheit jedoch arbeitet ehrenamtlich, darunter sind noch drei weitere Asylbewerber einer aus Syrien, einer aus Armenien und einer aus dem Libanon, außerdem zwei Polen und eine Iranerin, die schon länger in Kiel lebt. Jeden Tag fahren die beiden Kühlfahrzeuge der Tafel 22 bis 23 Supermärkte in Flensburg und im Umkreis von 40 Kilometern an. Für die Waren gibt es Kühlräume und ein Tiefkühlhaus. Dreimal die Woche, dienstags, donnerstags und samstags, bereitet Clemens Clementsen, der Koch der Tafel und Ein-Euro-Kraft, einen Mittagstisch zu. Eine Portion kostet einen Euro. Die Haare kann man sich regelmäßig schneiden lassen und Tierfutter gibt es einmal im Monat in Kooperation mit einem Schnäppchenmarkt.

Aslan ist heute für die Brotausgabe zuständig, dazu für Saft und Nudeln. Er arbeitet konzentriert und schnell. Holt Nachschub. Übersetzt. Warnt „das ist Vollkorn“, für alle die, die so etwas vielleicht nicht mögen. „Aslan, geht’s gut?“, fragt eine Kundin. „Gut, und dir?“, fragt der junge Syrer zurück. Seit sieben Monaten ist er in Flensburg, seit vier Monaten hilft er bei der Flensburger Tafel und klingt schon fast wie ein Flensburger Jung.

Veröffentlicht am 23.02.2016

Krieg in Syrien, unzählige Menschen auf der Flucht, rechte Demagogen auf dem Vormarsch. Die SPD greift die Probleme auf und zeigt sich zuversichtlich: So will sie sich den Herausforderungen stellen.

Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, befindet sich in der heißen Phase des Wahlkampfs – am 13. März wird gewählt. Die Sozialdemokratin geht mit Zuversicht in das Rennen um die Staatskanzlei. Die Landesregierung habe in den vergangenen drei Jahren ihre Hausaufgaben gemacht, sagte Dreyer nach einem Treffen mit den Präsidiumsmitgliedern der Bundes-SPD am Montag in Mainz. Als einziges Bundesland schaffe es Rheinland-Pfalz zu zeigen, dass die vollständige Registrierung aller ankommenden Migranten aus Syrien und anderen Kriegsgebieten möglich sei. Dies forderte Malu Dreyer auch von den anderen Bundesländern sowie vom CDU-geführten Bundesinnenministerium.

Keine Alleingänge in der Krise

Ein europäischeres Bundesland als Rheinland-Pfalz, betonte Dreyer, könne man sich kaum vorstellen – „Unsere Wirtschaft lebt zu 55 Prozent vom Export,“ sagte sie. Eine Rückkehr zu Binnengrenzen in Europa kommt daher für Dreyer nicht in Frage. Sie unterstützt die Pläne der SPD, sich weiterhin für eine Ausweitung der europäischen Integration einzusetzen. Von Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet sie beim kommenden EU-Gipfel Ende der Woche Fortschritte in der gemeinsamen Asyl- und Migrationspolitik – zum Beispiel die Unterstützung Griechenlands bei der Sicherung der europäischen Außengrenzen.

Im Inland plant die SPD eine Reihe an Initiativen, die den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft stärken sollen. Die Sozialdemokraten wollen in die Modernisierung des Landes investieren. „Wer über Integration redet, der muss auch bereit sein, die Finanzierung sicher zu stellen,“ sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel. Wolfgang Schäubles „Schwarze Null“ dürfe nicht zum Selbstzweck verkommen. Um eine umfassende gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen in Deutschland zu ermöglichen, sieht das SPD-Präsidium Investitionen in Höhe von über drei Milliarden Euro vor: in Kitas und Ganztagsschulen, Sprachförderung, Wohnungen und Arbeitsplätze. Gleichzeitig gelte es, „offensiv gegen Hetzer und rechte Demagogen vorzugehen", um die Spaltung der deutschen Gesellschaft zu verhindern.

Keine militärische Konfliktlösung für Syrien

Wer behaupte, die sogenannte Flüchtlingskrise sei ein deutsches Problem, so Gabriel, der rede Unsinn. Die heutigen Krisen seien international und beträfen uns alle: Vor Kriegen fliehende Menschen stellten nicht nur Europa, sondern die ganze Welt vor Herausforderungen. Es sei wichtig, so Gabriel, auch mit schwierigen Gesprächspartnern über eine Beilegung des Konflikts in Syrien zu verhandeln. Eine militärische Lösung oder gar ein Einsatz der Bundeswehr sei mit der SPD nicht zu machen.

Bei der Bewältigung der aktuellen Herausforderungen setzen die Sozialdemokraten auf Zuversicht. Gut überlegt, unaufgeregt, aber mit klarer Haltung will die SPD die Probleme meistern und so Wahlen gewinnen – in Rheinland-Pfalz und anderswo.

Veröffentlicht am 17.02.2016

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